Balkenmangel, na und???
  ...an die Eltern...
 



Ein Brief an die Eltern mental geschädigter Kinder
Von Zdenek Matejcek



Den Schmerz überwinden

Liebe Eltern, wir wissen gut, dass es keinen größeren
Schmerz gibt, als zu der Erkenntnis zu gelangen, dass unser
Kind sich nicht so entwickeln wird, wie wir es erwartet
hatten, und dass es auf Dauer ernsthaft geschädigt ist.

Viele Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die uns
begegnen und die schwer zu ertragen zu sein scheinen, werden
im Vergleich mit diesem Schmerz nur zu oberflächlichen,
unwesentlichen Angelegenheiten des Alltagslebens.

Jedoch auch den größten Schmerz muss man überwinden
und bewältigen – wenn für nichts anderes, so wenigstens
des betroffenen Kindes wegen. Wir wollen doch alles,
was in unseren Kräften steht, für es tun. Wir möchten,
dass es im Rahmen seiner Möglichkeiten im Leben glücklich
wird. Und das wäre nicht möglich, wenn wir diese schwere
Lebensrealität nicht annehmen und verkraften würden.

- im Interesse des Kindes

Auch für das behinderte Kind – ja, für es vor allem und
in vollem Maße – ist es notwendig, dass seine Eltern
und seine Erzieher in der Familie ruhig und ausgeglichen
sind, eine möglichst normale Lebensweise pflegen, sich des
Lebens freuen und eine fröhliche Atmosphäre um sich schaffen
können. Dies ist die erste Pflicht im Dienste an ihrem Kind,
dass es mehr als alle anderen oder alles andere braucht.

Wir möchten Ihnen einiges erklären und einige Prinzipien
vermitteln, die in langjähriger Beratungspraxis entstanden
sind und die Ihnen hoffentlich im schweren Kampf um die
Bewältigung dieses schwierigen Schicksals nützlich sein könnten.

Es kann sein, dass sie ihnen manchmal fast „zu hart“ vorkommen
werden, aber glauben Sie, bitte, es ist nur zur Hilfe für Sie
und Ihr Kind. Es ist besser, mit dem Schlimmeren zu rechnen
und sich vom Besseren überraschen zu lassen, als umgekehrt!

Die Phasen des Betroffenseins

Es liegt eine bestimmte Gesetzmäßigkeit darin,
wie wir mit schwierigen Tatsachen im Leben fertig werden.

Angst und Hoffnungslosigkeit

Die Erkenntnis, dass unser Kind ernsthaft behindert ist, ruft normalerweise starke Angst- und Hoffnungslosigkeitsgefühle
hervor. Als würden wir unsere bisherige Lebenssicherheit
verlieren. Es ist ein erschütterndes Vorkommnis im Leben.
Bei verschiedenen Eltern kann es verschieden lange Zeit
andauern – Stunden, Tage, Wochen, Monate.

Abwehrreaktionen

Meistens tritt jedoch ein zweites Stadium ein, in dem in uns Abwehrreaktionen mobilisiert werden. Wir möchten diese
unselige Tatsache nicht zulassen. Wir möchten uns ihr entziehen,
sie beschreiben, für einen Irrtum erklären, oder die Schuld auf
einen anderen schieben und die Sache so einrichten, als ginge
sie uns nichts an. Diese Abwehrmechanisme haben viele
Gesichter und könne sich bei einzelnen Eltern und Erziehern
mit unterschiedlicher Intensität und Zeitdauer äußern.

Suchen nach der Schuld. In diesem Zusammenhang ist
es typisch, dass die sogenannte „Schuld“ häufig bei den
nächsten Personen gesucht wird – von einem Elternteil beim
anderen, bei den eigenen Eltern, d. h. bei den Großeltern
des Kindes, beim Pflegepersonal, den Ärzten usw.

In der absoluten Mehrzahl der Fälle ist jedoch niemand
schuld, die Suche nach einem Schuldigen kann zwar
eine Zeitlang unsere Gedanken ablenken, in der
Wirklichkeit nutzt sie jedoch niemandem.
Am wenigsten natürlich dem Kind selber.

Im Gegenteil, alle diese Abwehrreaktionen verderben
in der Regel nur das Familienklima, und nicht selten
passiert es, dass sie zum Nährboden der Verstimmung
in der Familie werden und letztlich bis zur Scheidung
führen – also genau das versuchen, wovor sich jede Familie
mit einem beschädigtem Kind besonders hüten sollte.

Akzeptanz

Erst nachdem man diese „Abwehrphase“ überwunden hat,
fängt der Prozess des Akzeptierens an, und das Leben mit
dem Kind bekommt einen neuen Sinn. Das Ziel unseres
Bemühens, der Arbeit an uns selber, kann nicht nur im
Schutz vor uns selbst bestehen, sondern darin, das Kind, so
wie es ist, zu akzeptieren. Und auch sich selbst als Elternteil
und Erzieher eines behinderten Kindes zu akzeptieren.

Erst dann können wir für es und für uns viel tun, viel Positives,
Einzigartiges sogar, denn in schwierigen Lebensumständen zu
bestehen und dem Kind ein glückliches Leben zu sichern, ist ein
Werk von außerordentlichem persönlichem und gesellschaftlichem
Wert. Es ist ein Heldentum im wahrsten Sinne des Wortes!


Grundsätze einer Hilfe

Im Folgenden möchten wir einige Grundsätze anführen,
die Ihnen Ihre Lebenssituation erleichtern könnten.
Wir bitten Sie, über sie in Ruhe nachzudenken, sie zu
überlegen und sie als eigen anzunehmen.

Eltern sollen möglichst viel über ihr Kind wissen

Es ist gut, wenn die Eltern wissen, welches die Ursache
der Behinderung bei ihrem Kind ist. Sie können es dann
besser verstehen und ihm besser helfen. Dabei sind
sicher die Ärzte mit ihren Kenntnissen behilflich,
beantworten die Fragen der Eltern.

Auf jeden Fall ist es besser, Fachleute zu fragen,
als Informationen im Kreis von Freunden und Bekannten
zu suchen, die zwar mit uns sympathisieren, meistens aber
über keine Fachkenntnisse verfügen. Außerdem können
viele Erklärungen, Ratschläge und Hinweise, die von
manchen Informatoren und Wunderheilern stammen,
irreführend und ausgesprochen schädlich sein.

Es gibt auch genug Fachliteratur für die, die eine
ausführlichere Information suchen. Manchmal werden auch
ganze Zyklen von Fachvorträgen angeboten, in verschiedenen
Vereinen finden Eltern darüber hinaus auch die Möglichkeit,
Eltern von ähnlich geschädigten Kindern zu treffen,
ihre Sorgen zu teilen und zudem auch praktische
Kenntnisse und Erfahrungen zu gewinnen.

Nicht Unglück, sondern Aufgabe!

Die Behinderung des eigenen Kindes nur als „Unglück“ zu
erleben, führt zu Passivität und zu innerer Verschlossenheit.
Und das hilft weder dem Kind noch seinen Erziehern.

Umgekehrt, man muss aktiv werden. Diese Wende kann man
erreichen, nimmt man die eigene Situation und die seines
Kindes als eine Lebensprüfung und Aufgabe an.

Auf eine Prüfung muss man sich vorbereiten, eine Aufgabe muss
man bewältigen. Man muss seine Kräfte mobilisieren und eine
Atmosphäre der Mitarbeit in der nächsten Umgebung erzeugen.

Eine Aufgabe kann man auch in einer Folge konkreter
Aktivitäten ausführen, sein Organisationstalent zur
Geltung bringen, verschiedenes ausdenken, herstellen,
Fachleute zur Mitarbeit gewinnen, usw.

Viele gewitzte und geschickte Väter haben für ihre Kinder
sehr praktische Hilfsmittel, Fahrzeuge, Spielzeug und
Arbeitsgeräte geschaffen, die dann zum Muster für
eine Produktion im größeren Umfang wurden.

Opferbereitschaft ja, Aufopferung nein!

Das behinderte Kind braucht unsere Hilfe und unser
Verständnis. Wir müssen ihm jedoch zugleich auch eine
Stütze sein, es erzieherisch führen, ihm vieles beibringen
und vor allem seine Welt mit Behagen und Freude ausfüllen.

Das kostet viel Arbeit, viel Zeit, manche Aufgaben muss
man ständig wiederholen – und erschöpft natürlich den Erzieher. Erschöpfte, sich aufopfernde Menschen sind jedoch keine guten
Partner und schon gar keine guten Erzieher. Schon am Anfang
haben wir gesagt, dass es mehr als alles andere die Pflicht der
Erzieher von behinderten Kindern ist, sich selber in guter
körperlicher und geistiger Kondition zu halten.

Die Arbeit mit dem behinderten Kind soll man von Anfang
an aufteilen. Es ist notwendig, dass alle Familienmitglieder
daran teilnehmen und nicht nur die opferbereite Mutter
oder Großmutter! Der wird nämlich häufig das
behinderte Kind anvertraut, denn sie hat ja
„mehr Zeit“ und ist bereit, sich zu „opfern“.

Derjenige, bei dem Hauptarbeits- und –zeitlast bei der Pflege
dieses Kindes liegen, sollte sich als selbstverständlichen und
notwendigen Teil seiner psychischen Hygiene während einer
bestimmten Zeit jedes Tages und weiter über einen längeren
Zeitraum im Ganzen (zwei, drei, vier Wochen) mit etwas
anderem, als mit der Pflege des Kindes beschäftigen.

Andere Familienmitglieder sollten ihm das selbstverständlich
ermöglichen. Es kann auch vorkommen, dass derjenige, der das
Kind betreut, plötzlich erkrankt, oder in der Familie eine andere
sogenannte „Havariesituation“ entsteht. In diesem Fall kann das nächstgelegene Kinderkrankenhaus die erforderliche Pflege
des Kindes sichern, bis alles entsprechend geregelt wird.

Die Akzeptierung der Wahrheit und die Zukunftsaussichten

Dem Kind, seinen Eltern und der ganzen Familiengemeinschaft
kommt es zugute, wenn man die Behinderung realistisch ansieht.
Ärzte und Psychologen, die das Kind behandeln und wiederholt
untersuchen, helfen mit ihren Erklärungen und Einschätzungen
seiner weiteren Entwicklungsperspektiven.

Die genaue Entwicklung des Kindes können sie zwar nicht mit
absoluter Sicherheit voraussagen, sie aber mit einiger
Wahrscheinlichkeit kennzeichnen. Die Eltern leiden dann nicht
so sehr unter Angst und können weitaus mehr Energie dem Kind
widmen, falls seine langsame Entwicklung entsprechend den
Erwartungen fortschreitet, als wenn sie immer auf einen schnellen, wundersamen Fortschritt hoffen und immer wieder enttäuscht werden.

Es ist wichtig, den Gedanken zu akzeptieren, dass sich das Kind
wahrscheinlich im eigenen Tempo, nach eigenen Regeln, in eigener Gesetzmäßigkeit entwickeln wird – anders als andere Kinder.

Es ist gut, sich in der Familie darüber zu einigen, dieses Kind
nicht mit anderen Kindern seines Alters zu vergleichen, sondern
nur seine eigenen, wenn auch sehr langsamen Fortschritte zu bewerten.

Und denken Sie daran, voreinander und vor anderen zu betonen,
was dieses Kind tun kann, und nicht, was es nicht schafft;
wo es uns Freude, und nicht, wo Kummer bereitete.

Das Kind selbst leidet nicht!

Manche Eltern und Großeltern neigen zu der Vorstellung, dass
ein Kind mit verspäteter Entwicklung als Folge dieses Zustandes
körperlich oder seelisch leidet. Das Kind erlebt seine Behinderung
jedoch keinesfalls so. Es lebt sein kindliches Leben mit seinen
Freuden und Sorgen, so wie es ungefähr dem Niveau seiner
geistigen Entwicklung entspricht. Vielmehr leiden diejenigen,
die emotional an das Kind gebunden sind und wissen, wie es sich
unter normalen Umständen äußern sollte. Sie haben dann eine
natürliche Tendenz, ihre Erlebnisse in das Kind zu projizieren.

Daher kann man aus ihrem Mund Ausdrücke wie „das unglückliche,
arme Wesen“, „man sollte es für sein entschädigen“, „was es
erleiden muss...“, usw. hören. Danach behandeln sie auch dieses
Kind, schützen es übermäßig und ungeeignet, verwöhnen es und
halten damit seine Entwicklung eher auf, statt sie zu stützen.
Bedenken wir, viel wichtiger, als das Kind zu bedauern,
ist es, ihm zum freudigen Leben zu verhelfen.

Zur richtigen Zeit und im richtigen Maß

Die Entwicklung des Kindes hat seine Gesetzmäßigkeit. Für alles,
was wir mit dem Kind tun oder tun wollen, gibt es eine geeignete
Zeit und ein geeignetes Maß. Jeder zielbewusste Schritt in der
Erziehung, bei der Anregung der Entwicklung, beim Üben,
in der Rehabilitation, soll zur rechten Zeit kommen
– weder zu früh noch zu spät.

Manchmal sieht man, dass Eltern in dem Bemühen, endlich
etwas zu tun, viel Energie und finanzielle Mittel übereil
und unüberlegt investieren. Sie kommen den ärztlichen
Empfehlungen, Rehabilitationsübungen oder speziellen
Lernprozessen zuvor. Dann passiert es leicht, dass
das Kind falsche Gewohnheiten annimmt oder dass bei
ihm Abwehrtendenzen geweckt werden, die einer
richtigen Übung ernsthaft im Wege stehen.

Dies gilt vor allem für das Essen, für das Setzen „aufs
Töpfchen“, für das Lernen von Bewegungsfertigkeiten, aber
auch für das Sprechenlernen, bei dem wir durch Zwang zum
Wiederholen beim Kind letztendlich Widerstand gegenüber
dem Sprechen überhaupt wecken können.

Viel besser ist es, das Kind zu eigenen Sprachäußerungen in
fröhlicher Kommunikation, im Erzählen, Singen usw. zu ermuntern
– und wenn es selbst etwas sagt, es ihm nachzusprechen,
auch mehrmals, natürlich in richtiger Aussprache und unter
Hinzufügen von ein oder zwei weiteren ausführenden Worten.

Auch in der Pflege von behinderten Kindern gilt das Prinzip
der Wirtschaftlichkeit, denn Zeit, Entschlossenheit und guter
Wille der Eltern und weiterer Erzieher sind besondere
Werte, die möglichst zweckmäßig zu nutzen sind.

Beim Erarbeiten von Fähigkeiten, beim Lernen oder bei der
Heiltherapie konzentriert man sich mit dem Kind deswegen
auf das, was gesellschaftlich am wichtigsten ist und wo
man auch die größte reale Hoffnung auf Erfolg hat.

Dazu gehören vor allem die Selbstbedienung, das Einhalten der
körperlichen Sauberkeit, das Ordnungshalten, richtig essen
zu können, Gesundheits- und Hygienegewohnheiten einhalten
(z.B. Naseputzen), gutes Benehmen anderen gegenüber usw.

Wir sind nicht allein!

Es gibt mehr Eltern, deren Kind ähnlich wie unser Kind behindert
ist und die bereit sind, ihre Erfahrungen, Sorgen und Freuden mit
uns zu teilen. Lehnen wir dieses Angebot nicht ab – die Solidarität
von Menschen, die uns am besten verstehen können, ist eine
große seelische Stütze bei allen Schwierigkeiten.

Aber auch in anderer Hinsicht sind wir nicht allein. Es gibt
hier Ärzte, Genetiker, Psychologen, Heilpädagogen,
Mitarbeiter der Sozialfürsorge und weitere, die
überwiegend bereit sind, wirkungsvoll zu helfen.

Nur darf man nicht immer erst auf ihre Initiative warten,
sollte selber die Anregung zu Hilfsmaßnahmen geben.

Durch das Zusammenleben mit dem behinderten Kind lernen
Eltern und weitere Erzieher zweifellos selber sehr viel und
reifen innerlich. Ihre Lebenserfahrung ist jedoch in dieser
Hinsicht etwas Besonderes und Außergewöhnliches. Es gibt viele
Hinweise, viele unerfüllte Erwartungen, besondere Ansprüche,
einseitige seelische und Arbeitsbelastungen usw.

Die Ausnahmestellung dieser Lebenserfahrung kann leicht
dazu führen, dass sich die Erzieher in sich, in ihren Schmerz,
in ihre Einmaligkeit ihrer Position zurückziehen – sich
gesellschaftlich isolieren. Und das ist bestimmt nicht gut.

Die Erfahrung sagt, dass auch uneingeweihte und unerfahrene
Leute helfen können – wenn sie wissen, wie. Bedingung dabei ist,
nichts vor ihnen zu verheimlichen, sondern offen zu handeln.

Wenn sie nicht wissen, was sie zu uns sagen oder nicht sagen
dürfen, sich vor uns unsicher fühlen, neigen sie eher dazu, sich
zurückzuziehen. Wenn wir ihnen aber natürlich begegnen und auch
über unsere Sorgen frei sprechen, verstehen sie gewöhnlich rasch,
um was es geht, und wir finden bei ihnen Unterstützung. Eltern mit
einem behinderten Kind sollten in die Nachbarschaftsbeziehungen,
in den Freundeskreis, in gesellschaftliche Organisationen und
Hobbyvereine so wie alle anderen eingegliedert sein.

Wir sind nicht bedroht!

Eltern eines behinderten Kindes reagieren manchmal
überempfindlich auf das Interesse anderer Leute, auf ihre
neugierigen Blicke, taktlosen Bemerkungen, verlegenes Verhalten
usw. Das ist natürlich, denn ihre Lebenssicherheit ist geschwächt.

Der Schmerz, den sie erlebt haben, macht sie sensibler.
Es passiert dann, dass sie ständig in einer erhöhten
Spannung leben, als würden sie jederzeit von
irgendwoher einen Angriff erwarten.

Es ist nur gut, wenn sie sich bewusst werden, dass dieses Gefühl
der Spannung und Bedrohung eher eine Folge ihrer Empfindlichkeit
als der Ungunst oder des bösen Willens ihrer Umgebung ist.

Es stimmt, dass manche Bemerkungen taktlos ausgesprochen werden
und wehtun, aber beurteilt man sie unvoreingenommen, so stellt man
meistens fest, dass dahinter Unwissenheit, falsche Vorstellungen oder
Informationen stecken, manchmal auch der Wunsch, sich selber
herauszustellen oder anzugeben, jedoch keine böse Absicht.

Wir haben schon die sogenannten Abwehrmechanismen der Eltern
erwähnt. Diese Abwehrmechanismen sind allgegenwärtig.
Wir begegnen ihnen bei Ärzten, Psychologen und anderen
Fachleuten, bei den Ämtern und natürlich bei den Leuten,
die die sogenannte Öffentlichkeit darstellen.

Unbewusst meiden wir nämlich alle Gedanken an unangenehme
Dinge und wehren uns gegen die bedrückende Vorstellung, dass
uns einmal etwas Ähnliches passieren könnte. Und dann
handeln wir schwächlich, unvernünftig und taktlos.

Erleben die Eltern und Erzieher eines behinderten Kindes so
etwas in ihrer Umgebung, sollte ihnen bewusst werden, dass es
sich bei den anderen um dieselben Tendenzen handelt.,
die auch sie selbst bei sich überwinden müssen.

Diese Tendenzen hat natürlich auch die Öffentlichkeit zu
überwinden. Es ist keine leichte Aufklärungsarbeit. Bei ihrer
Lösung spielen die Medien, besonders das Fernsehen, die wichtigste
Rolle. Und wiederum liegt es an den Eltern, eine Initiative
bei den Vorschlägen und der Vorbereitung geeigneter
Aufklärungsprogramme zu entwickeln.

Schützen wir unsere Ehe und Familie!

Die erhöhte Belastung durch Ängste und Spannungen und
ungewöhnliche Arbeits- und Erziehungsansprüche, die die Sorge
für ein behindertes Kind mit sich bringt, kann eine heutige junge
Familie relativ leicht gefährden. Viele Eltern behinderter Kinder
lassen sich scheiden. Und das hilft natürlich niemandem!

Es ist also notwendig, dass wir uns dieser Gefahr bewusst werden.
In jeder Familie – und in einer Familie mit behindertem Kind gilt
dies besonders dringend – sind sich Eheleute gegenseitig eine Stütze.

Ihnen wiederum sollten Eltern, d.h. Großmütter und Großväter,
weitere Verwandte, Freunde, Bekannte und andere Leute stütze sein.

Nicht die Schuld und die Schuldigen suchen, was es in
welcher Familie gab oder nicht gab, sondern den
Zusammenhalt der jungen Familie stärken.

Jeder Elternteil trägt seinen Teil an Verantwortung nicht
nur diesem geschädigten Kind gegenüber, sondern auch
gegenüber seinem Ehepartner, gegenüber den anderen
Kindern, soweit sie in der Familie sind, gegenüber den
Großeltern und letztendlich gegenüber der ganzen
Gesellschaft. Schwere Aufgaben kann man besten
gemeinsam bewältigen – und hier steht vor uns
eine besonders anspruchsvolle Aufgabe.

Zugleich ist es aber nötig, dass beide Elternteile Verständnis
dafür haben, dass die Art, wie wir mit den seelischen und
emotionalen Belastungen fertig werden, sehr unterschiedlich
sein kann. Allein schon das Erleben von Trauer, Angst oder
Unsicherheit über den Zustand des Kindes, wie darüber
am Anfang gesprochen wurde, kann bei einzelnen Leuten
sehr unterschiedlich sein, unterschiedliche Tiefe und
Intensität sowie auch äußeren Ausdruck haben.

Der eine weint eher, der andere vertieft sich in die Arbeit,
ein dritter sucht Zerstreuung. Es kann so leicht der
Veradcht entstehen, dass der Ehepartner oder jedes
andere Familienmitglied nicht empfindsam genug ist,
das Kind oder seinen Ehepartner nicht genug liebt,
wenn er seine Gefühle nicht in der gleichen Form
äußert, nicht genau das tut, was jener tut, nicht
weint oder sich darüber nicht genauso ärgert usw.

Denken wir an die Zukunft!

Hat man einmal Kinder, entgeht man diesen Gedanken nicht.
In unserem Fall muss man sie jedoch besonders realistisch
lenken. Wir müssen in Ruhe abwägen, in welchem Maße wir
die Bedürfnisse des Kindes sichern können, wie weit wir
mit unseren Kräften reichen und was wir und wie lange
wir etwas von unseren Verwandten erwarten können.

Notwendigerweise taucht die Frage auf, ob und in welchem
Maße unser Kind bildungsfähig sein wird, zu welcher Zeit es
in der Lage ist, die Familienerziehung mit der Tagesstätte zu
kombinieren, wann die Notwendigkeit entsteht, an eine
Unterbringung des Kindes in einem Heim zu denken usw.

Keine dieser Fragen kann man allgemein beantworten.
Man muss sie immer gemeinsam mit Fachleuten, die
die Entwicklung des Kindes verfolgen, lösen.

Zugleich muss man ihnen aber auch eigene Pläne und Gedanken,
die Zukunft des Kindes und unsere eigene betreffend, mitteilen,
um dann gemeinsam nach den günstigsten Perspektiven zu suchen.

Ein weiteres Kind?

In diesem Zusammenhang stellt sich, vor allem bei einem
jungen Ehepaar, in der Regel eine weitere wichtige Frage:
ist es möglich und angebracht, ein weiteres Kind zu haben?

Manche Eltern belastet die Vorstellung, dass ein behindertes
Kind so viel Pflege braucht, dass sie sich ein weiteres Kind
einfach nicht leisten können, oder dass durch die Pflege
des nächsten Kindes ihr behindertes in ihrem
vorbehaltlosen Engagement zu kurz käme.

Dem entgegen sagt die langjährige Erfahrung aus, dass ein
weiteres, gesundes Kind in der Familie in der absoluten
Mehrheit der Fälle Beruhigung, Ausgeglichenheit und
Gesundung des Familienmilieus mit sich bringt.

Das nützt natürlich allen Betroffenen, das behinderte Kind
inbegriffen. Und die Arbeitsbelastung wird gewöhnlich
aufgeteilt und überraschend gut gemeistert.

Darüber hinaus stimuliert diese Situation häufig auch eine
größere Bemühung um Selbständigkeit bei dem behinderten Kind,
das übrigens dazu im jüngeren Geschwister eine gewaltige
Quelle von Entwicklungsstimulation bekommt.

Daher geben wir den Eltern meistens den Rat, eine genetische
Untersuchung durchführen zu lassen. Dies ist heutzutage
schon überall durchführbar und kann mit recht großer
Wahrscheinlichkeit voraussagen, ob und was für ein
Risiko einer Behinderung beim nächsten Kind entstehen
könnte. Dann sollten Sie ihre Situation nochmals
überdenken und selber entscheiden.

In den meisten Fällen ist das Risiko einer Behinderung
nicht größer als bei jedem anderen Ehepaar.
Auch unter diesem Aspekt hat man also an
die Zukunft der Familie zu denken.

erschienen in „der kinderarzt“ 22.Jg. (1991) Nr.7






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